Angedacht

Tochter Zion, freue dich

Eines meiner Lieblings-Adventslieder ist das Lied „Tochter Zion, freue dich“. Ich freue mich schon darauf, wenn wir das Lied in den Adventsgottesdiensten singen werden. Dabei muss ich zugeben, dass mir besonders die schwungvolle festliche Melodie von Georg Friedrich Händel gefällt.

Der Beginn des Liedes ist ja eher merkwürdig: Denn was soll „Tochter Zion“ bedeuten? Die Stadt Jerusalem liegt am Fuß des Zionsbergs, auf dem sich früher der Tempel Gottes befand. Die Tochter des Zionsberges ist also die Stadt Jerusalem. Ihre Bewohner sollen sich freuen, dass der kommende Erlöser als König bei ihnen festlich einzieht.

Der Text des Lieds nimmt Aussagen aus dem Buch des Propheten Sacharja auf (Sacharja 9,9).

Ein ganz ähnlich lautender Bibelvers aus dem Sacharjabuch ist der Monatsspruch für Dezember: „Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.“ (Sacharja 2,14)

Freude gehört zu den schönsten Gefühlen, die wir Menschen empfinden. In der Bibel ist von Freude die Rede, etwa bei fröhlichen Begegnungen, beim Wiedersehen nach langer Trennung, bei Hochzeiten und anderen Festen oder auch bei der Ernte. Auch Gott selbst, seine Gnade und seine Gerechtigkeit können zu Quellen der Freude werden.

„Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion!“ Der Prophet Sacharja möchte hier die Einwohner Jerusalems trösten. Denn die Stadt und Gottes Tempel waren zerstört worden, die Einwohner standen vor den Trümmern ihrer Häuser. Die Situation war weitaus schlimmer als bei uns, die wir nun auf das zweite Corona-Weihnachten zugehen. Sacharja sieht trotzdem Gründe sich zu freuen: „Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.“ Gott macht sich auf zu den Menschen – gerade zu denen, denen es nicht gut geht. Das ist ja die frohe Botschaft von Weihnachten: Gott kommt zu uns in einem kleinen Kind und sucht sich dazu einen stinkenden Stall und eine schmutzige Futterkrippe aus. Armseliger geht es kaum, so dass auch die Armen und Elenden sich freuen können: Gott kommt auch zu uns!

Was mich beim Monatsspruch für Dezember am meisten berührt hat: Gott kommt nicht nur auf einen Kurzbesuch vorbei! „Ich will bei ihnen wohnen.“ Für viele Jahre wohnte Gott durch Jesus ganz unspektakulär bei den Menschen. Nahezu unbemerkt wuchs er in Nazareth auf und wurde ganz bodenständig Zimmermann von Beruf. Er lernte das Denken und Fühlen der Menschen kennen, ihre Sehnsucht nach Erlösung und nach einem Messias, einem Retter, der ihnen Glück und Segen bringen würde. Erst mit etwa 30 Jahren begann er öffentlich aufzutreten, und nach wenigen Jahren wurde er gekreuzigt. Als Jesus dann von den Toten auferstand und in den Himmel auffuhr, versprach er, durch den Heiligen Geist weiterhin bei seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern zu sein. So gesehen wohnt Gott noch immer unter uns! Nachdem ich mir das bewusst gemacht habe, werde ich in diesem Jahr umso fröhlicher in das Adventslied einstimmen: „Tochter Zion, freue dich.“

Eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit wünscht Ihnen Ihr Pfarrer

Joachim Rieger