Angedacht

Schaut hin!

Manchmal höre ich abends vor meinem Arbeitszimmer die Stimmen von ein paar Jugendlichen, immer wieder übertönt von der Musik, die aus der Musicbox dröhnt. Und manchmal frage ich unsere Mesnerin von der Johanneskirche: „Und? Wie sah es aus?“, denn sie weiß bereits, dass sie hingehen und nachschauen muss. Da liegt dann ein halber Döner in den Büschen und eine angebissene Pizzaschnitte in der Schachtel, die Pommes wer weiß wo, und auf dem Sims steht noch ein Getränkebecher. Sie schaut hin, sammelt ein und entsorgt die Reste.

Eine ganz andere Geschichte war das damals bei Jesus. Ähnlich wie bei einer Facebookparty hatte es sich herumgesprochen, so dass nicht nur eine Handvoll Leute, sondern weit über 5000 Menschen zusammengekommen waren. Jesus gab seinem Team den Auftrag, für Essen zu sorgen: „Geht und schaut hin!“ Fünf Brote und zwei Fische bekamen sie zusammen. Jesus sprach ein Dankgebet, danach teilten alle miteinander. Als die Party vorbei war, sammelten die Jünger

alle Fisch- und Brotreste ein. Vorbildlich! Zwölf Körbe voll! Das ist doch mal nachhaltig.

Wie schön, dass es auch hier in Mössingen Leute gibt, die bei der Markungsputzete haufenweise Müll sammeln. Aber ist das die wichtigste Aussage dieser Geschichte? Zwölf Körbe aufgesammelt - Aufgabe erledigt – wir können wieder heim?

Die Menschen um Jesus herum fühlen sich zunächst überfordert, sich um das aktuelle Versorgungsproblem zu kümmern, das sie wahrnehmen. Sie haben diese Geschichte mit anderen, mit uns geteilt, weil auch uns die Zuversicht guttut, dass Gott am Werk ist, ein Vertrauen in Gott, das mich darin bestärkt und mich ermutigt, hinzuschauen, wahrzunehmen, eine Entscheidung zu treffen und zu handeln.

Die Geschichte geht aber noch weit über Problemlösung und Foodsharing hinaus. Zwölf Körbe Weggeworfenes und Verlorenes wird in Körben gesammelt. Das erinnert an das Brot vom Himmel, das die zwölf Stämme Israels in Notzeiten versorgt hat. In Deutschland wären es also 16 Körbe wie die Anzahl der Bundesländer, weil Gott nicht nur zu den frommen christlichen Versammlungen kommen will, sondern zu allen.

„Wenn Du wirklich wissen willst, wie Gott kommt“, sagte der evangelische Theologe Helmut Gollwitzer, „dann musst du dort hinschauen, wo verachtete Winkel sind, wo marginalisiert wird, wo ausgestoßen wird, zu den schlimmsten Ecken, da unten ist Gott. Getreten, machtlos, liebend kommt er von ganz da unten her.“

Schaut hin! Es gibt nicht nur Müll zu entdecken, sondern eine Geschichte, die anfängt spannend zu werden - wie alle Geschichten Gottes mit uns.

Ihr Pfarrer

Matthias Krämer

Hinweis: „Schaut hin!“ war das Motto des Ökumenischen (Corona)Kirchentages 2020 in Frankfurt 2021, Text in Markus 6,35-44