Im 50. Jahr seines Bestehens endete der Ökumenische Stammtisch Mössingen am 16. Juni 2026, weil sich kein neues Leitungsteam gefunden hat. 

Eine Würdigung von Claudia Jochen, die an diesem Abend aus Zeitgründen leider nicht verlesen werden konnte, drucken wir stattdessen hier ab. Sie umschreibt sehr schön, wofür der Stammtisch stand und was er für Kirche, Ökumene und Gesellschaft in Mössingen bedeutet hat.

Zum Abschiedsabend des Ökumenischen Stammtischs Mössingen

Liebe Freundinnen und Freunde des Ökumenischen Stammtischs,

heute geht eine kleine Ära zu Ende.

Fast fünf Jahrzehnte lang brannte am ersten Dienstag des Monats ein Licht im katholischen Gemeindehaus. Dort trafen sich Menschen, die neugierig waren. Menschen, die zuhören konnten. Menschen, die Fragen wichtiger fanden als schnelle Antworten.

1977, in meinem Geburtsjahr, begann diese Geschichte. Damals war Helmut Schmidt Bundeskanzler, die Mauer stand noch, das Internet war Science-Fiction und die Ökumene vielerorts noch ein zartes Pflänzchen. In Mössingen setzte man sich dagegen bereits gemeinsam an einen Tisch.

Was daraus entstand, war weit mehr als ein Gesprächskreis.

Manche Einrichtungen verschwinden irgendwann einfach. Man nimmt es zur Kenntnis, nickt kurz und geht zur Tagesordnung über. Beim Ökumenischen Stammtisch ist das anders. Denn heute endet nicht nur eine Veranstaltungsreihe. Heute endet ein Stück Mössinger Zeitgeschichte.

Der Ökumenische Stammtisch wurde eine Institution. Eine „Stammtischgemeinde“, wie er liebevoll genannt wurde. Hier wurde diskutiert, gestritten, nachgedacht und manchmal auch gerungen – immer im Respekt voreinander und im Vertrauen darauf, dass Christen unterschiedlicher Konfessionen mehr verbindet als trennt. Unzählige Themen haben diesen Raum gefüllt: biblische Fragen, Kirchengeschichte, gesellschaftliche Herausforderungen, politische Entwicklungen und die großen Fragen des Glaubens. Generationen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern haben hier gelernt, dass Denken und Glauben keine Gegensätze sind. Besondere Höhepunkte gab es viele: die Begegnungen mit dem jüdischen Religionsphilosophen Pinchas Lapide, mit Schwester Karoline Mayer aus Chile, mit Bischof Gebhard Fürst oder Hans Küng. Große Namen kamen nach Mössingen. Doch vielleicht waren die wichtigsten Abende jene, an denen ganz normale Menschen ihre Gedanken teilten und einander bereicherten.

Ein solcher Weg entsteht nicht von selbst. Er braucht Menschen, die organisieren, einladen, planen und immer wieder den Besucher den „Tisch decken“ – im übertragenen wie im ganz praktischen Sinn auch einfach nur den Raum bestuhlen. Stellvertretend seien heute Wolfgang Heutjer, Hartmut Ebeling und Winfried Hornef genannt, die den Stammtisch über viele Jahre geprägt und getragen haben. Ihnen und allen, die im Hintergrund mitgewirkt haben, gilt unser besonderer Dank.

Die Themen waren so vielfältig wie die Gäste: Theologie und Politik, Kirche und Gesellschaft, Nahes und Fernes. Große Namen fanden ihren Weg nach Mössingen. Aber ebenso wichtig waren die vielen Abende, an denen nicht Prominente sprachen, sondern Menschen aus unserer Mitte.

Wer an den Stammtisch denkt, erinnert sich nicht nur an Vorträge. Er erinnert sich an eine Atmosphäre. An bekannte Gesichter, die Monat für Monat ihre Plätze einnahmen. An Gespräche, die nach dem offiziellen Ende weitergingen.

Der Ökumenische Stammtisch war nie laut. Er drängte sich nicht in den Vordergrund. Aber gerade deshalb prägte er das geistige und gesellschaftliche Leben unserer Stadt über Jahrzehnte hinweg. Und vielleicht liegt darin sein größtes Verdienst: Er hat gezeigt, dass man unterschiedlicher Meinung sein kann, ohne sich zu entzweien. Dass Zuhören genauso wichtig ist wie Reden. Und dass Gemeinschaft dort entsteht, wo Menschen einander ernst nehmen.

Heute schließen wir ein Kapitel. Aber die Geschichte bleibt. Sie lebt weiter in Erinnerungen, Freundschaften und in all den Gedanken, die an diesem Stammtisch ihren Anfang genommen haben.

Und nun? Nun endet der Stammtisch. Aber das, was er geschaffen hat, endet nicht.

Die Freundschaften bleiben. Die Erinnerungen bleiben. Die Gespräche bleiben.

Und vielleicht bleibt auch die Hoffnung, dass der Geist dieses Stammtischs – die Neugier aufeinander, die Freude am Austausch und der Wille zur Verständigung – an anderen Orten weiterlebt.

Zu meinen persönlichen Erinnerungen an den Ökumenischen Stammtisch gehört auch eine kleine Begegnung mit Dr. Winfried Hornef, die mir bis heute ein Schmunzeln entlockt.

Bei einem Vortrag ging es um eines der berühmtesten Übersetzungsprobleme der Bibel: die Frage, ob im hebräischen Urtext von einer „jungen Frau“ oder einer „Jungfrau“ die Rede ist. Für eine Journalistin ist so etwas natürlich ein gefundenes Fressen. Schließlich lebt unser Beruf davon, interessante Details nicht zu verschweigen.

Winfried Hornef sah das damals etwas anders. Als mein Bericht erschien und ich diesen Aspekt selbstverständlich aufgegriffen hatte, erreichte mich eine durchaus nachdrückliche Rückmeldung. Dass ich ausgerechnet diesen Punkt herausgestellt hatte, hielt er für keine besonders glückliche Idee.

Nun muss man wissen: Winfried Hornef konnte freundlich sein, warmherzig sein und Menschen begeistern. Aber wenn ihm etwas wichtig war, dann vertrat er seine Überzeugungen mit Leidenschaft und ohne große Umwege. So standen sich für einen kurzen Moment zwei Berufungen gegenüber: hier der Arzt und Theologe, der um die richtige Einordnung rang, dort die Journalistin, die fand, dass genau solche spannenden Details in einen Bericht gehören.

Rückblickend denke ich heute gerne an diese Episode. Nicht wegen des kleinen Disputs, sondern weil sie den Ökumenischen Stammtisch als Mössinger Einrichtung charakterisiert. Dort ging es nie um belanglose Gespräche. Dort wurde mit Herzblut diskutiert, nachgedacht und manchmal auch gestritten – immer aus der Überzeugung heraus, dass die großen Fragen des Glaubens und des Lebens es wert sind, ernst genommen zu werden.

Dass wir uns heute an Menschen wie Dr. Hornef erinnern, zeigt, wie sehr sie diesen Stammtisch geprägt haben. Seine Stimme ist verstummt. Seine Gedanken, seine Leidenschaft und viele gemeinsame Erinnerungen aber bleiben.

Danke für 50 Jahre gelebte Ökumene. Danke für 50 Jahre Begegnung. Danke für 50 Jahre Stammtisch.

Claudia Jochen