Angedacht

Unterwegs! Wohin?

Auch und gerade in Zeiten, in denen das Reisen nicht möglich war, hatten wir hier in Mössingen einen großen Vorteil: Wir waren nicht eingesperrt, konnten hinaus und uns frei bewegen, und es gab und gibt so viel Schönes und Interessantes in der nächsten Umgebung zu entdecken: Wiesen mit Orchideen, Premiumwanderwege am Albtrauf entlang, Aussichtspunkte mit Blick in Schwarzwald und Alpen, ein Erdrutsch, Höhlen, Bäche und Quellen, Burgen, Schlösser und Museen, offene Kirchen nicht zu vergessen (!). Sogar der bekannte Jakobsweg lädt zum Pilgern ein.

Aber so schön die Ziele sind, so sehr sie Körper und Seele guttun, wie viel Freude die Wegstrecken und das Entdeckte bieten, steht doch von vornherein fest, dass wir wieder an unseren Ausgangspunkt zurückkehren. Wie erfrischend und fröhlich der Ausflug auch gewesen sein mag, wissen wir doch, dass uns die Nöte und Sorgen, die Schwierigkeiten und Herausforderungen des Alltags wieder einholen.

Bei vielen Ausflügen und Reisen sind wir unterwegs zu einem Ziel, das dann doch eine Momentaufnahme ist und zur Erinnerung wird. Selbst beim Pilgern kommt es selten vor, dass jemand am Ziel angekommen auch dort bleibt.

Ich musste an ein Buch denken, in dem das Leben mit vielen Bildern und Vergleichen als eine Pilgerreise beschrieben wird. Geschrieben wurde es 1675 in England von John Bunyan, als er im Gefängnis eingesperrt war. Das macht schon deutlich, dass er kein einfaches Leben hatte. Sein Alltag war voller Sorgen und Nöten, Problemen, Zweifeln und Herausforderungen. Aber gerade davon erzählt er in seinem Roman.

Das Leben ist für ihn eine Reise, obwohl er in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist. Das Leben ist für ihn eine Reise, nicht weil er den Alltag hinter sich lassen will, sondern weil er ein Ziel hat. John Bunyan nennt das Ziel „selige Ewigkeit“ oder „himmlische Stadt“. Erst dort braucht er nicht mehr daran denken, weitergehen zu müssen.

Jeder Schritt, der ihn näher zu seinem Ziel bringt, ist gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit Schwierigkeiten und mit sich selbst. Letztendlich erreicht er das Ziel nur, weil er nicht alleine unterwegs ist. Auf seiner Reise begegnet er „Hoffnungsfroh“, der ihn begleitet und in kritischen Situationen beisteht, so dass sie gemeinsam das Ziel erreichen.

Wir werden nach manchen schönen Ausflügen und Reisen wieder in das alltägliche Leben zurückkehren, aber vielleicht begegnet auch uns unterwegs „Hoffnungsfroh“, der uns dann durch unseren Alltag begleiten kann und uns immer wieder daran erinnert, dass unser Leben ein Ziel hat.

Pfarrer Matthias Krämer