Kino und Kirche Januar

Alcarràs – die letzte Ernte

(Spanien/Italien, 2022), Freitag, 27. Januar, 20.15 Uhr, Lichtspiele, Höfgasse 12

Eine spanische Großfamilie verbringt den Sommer auf ihrer Pfirsichplantage in einem Dorf in Katalonien. Doch die diesjährige Ernte könnte die letzte sein, denn die Bäume sollen nach dem Willen des Landbesitzers einer Solaranlage weichen, was zum Zerwürfnis innerhalb der Sippe führt.

Mit großer Leichtigkeit entfaltet das kontemplative Familiendrama eine Fülle unterschiedlicher, drei Generationen umfassender Perspektiven und verdichtet sich nebenbei zu einem Essay über das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Trumpfkarte sind dabei Laiendarsteller, deren intuitiver Gemeinschaftssinn und allmählich bröckelnde Langmut den Film erden und zugleich seine stille Tragik ausmachen.

Alcarràs wurde auf der desjährigen Berlinale mit dem Goldenen Bären als bester Film ausgezeichnet.

Angedacht

Schneeglöckchen

Kaum eine Blume wird so freudig begrüßt wie sie: Wenn die Schneeglöckchen in diesen Tagen wieder ihre weißen Köpfe ans Licht strecken, sind sie für viele das erste Zeichen des Frühlings.

Mitten im Winter blühen sie und lassen sich weder von Minusgraden noch von weißen Flocken abhalten. Ihre innere Uhr zeigt ihnen genau, wann es für sie Zeit ist. Später, wenn Narzissen, Tulpen und Rosen prunken, fände die kleine, weiße Blüte kaum Beachtung. So aber fliegen ihr die Herzen aller Wintermüden entgegen.

Der Blick auf diese kleine weiße Schönheit lehrt mich Gelassenheit und Staunen.

Viel Unruhe und Unzufriedenheit durchwehten unsere Zeit, weil wir Menschen etwas zur Unzeit wollen und es uns an Gelassenheit und Geduld mangelt. Alles muss machbar sein, jetzt und sofort. Mancher verliert mit diesem Lebensmotto seine innere Mitte und sein Gespür für die rechte Zeit. Zeit vergeht nicht einfach nur gleichförmig, linear, wie das Ticken einer Uhr. Zeit verändert sich. Dinge wachsen, bis die Zeit sprichwörtlich „reif ist“, es „Zeit ist“ und der richtige Zeitpunkt da ist.

Alles hat seine Zeit“ sagt der Prediger Salomo (Pred 3,1) und ermutigt uns damit, gelassen zu sein, auf unser inneres Gespür zu hören und der Zeit den Raum zu geben, reif zu werden, damit etwas dann erblüht, wenn es Zeit ist.

Das kann wie bei den Schneeglöckchen dann sein, wenn es kaum einer für möglich hält. Nicht jeder ist eine Rose und nicht alles Leben blüht auf einmal. Manch einer hat seine Zeit genau dann, wenn die bunten und schillernden Farben verblüht sind, wenn Herbst herrscht oder Winter. Manch einer hat wie das Schneeglöckchen die Kraft in sich, genau an diesen Rändern des Lebens Mut, Trost und Hoffnung zu spenden.

Denn auch wenn sie filigran und zerbrechlich aussehen, Schneeglöckchen sind wahre Powerpakete. Ihr Zwiebel-Biokraftwerk erschafft im Stängel Temperaturen von 8-10 Grad und schmilzt damit Schnee. Kein Wunder also, dass Schneeglöckchen für Lebenskraft stehen. Dietrich Bonhoeffer hat es einmal so in Worte gefasst: „Ich wünsche Dir die Lebenskraft dieser Blume, die sich von Kälte, Eis und Schnee nicht unterkriegen lässt und zu ihrer Zeit blüht. Jedes Werden in der Natur, im Menschen, in der Liebe muss abwarten, geduldig sein, bis seine Zeit zum Blühen kommt.“ 

Darüber hinaus schärft diese Blume den Blick für die Zeichen der Zeit. Denn ihr Blühen ist ein Vorzeichen und sie selbst ein Vorbote. Auch wenn es später viel prächtiger blüht – sie eröffnet den Reigen und zeigt: Der Wandel kommt.

Solche Hoffnungszeichen zu erkennen, befreit von unnötigen Sorgen. Es macht Mut, den Blick getrost nach vorn ins neue Jahr zu lenken, im Vertrauen auf Gott, der die Zeit lenkt und in Händen hält. Wie heißt es doch so treffend in Psalm 31? Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen. (Psalm 31,15f)

Ich wünsche Ihnen und euch einen gelassenen und hoffnungsvollen Vorfrühling mitten im Winter. Bis denne!

Ihre und eure Pfarrerin

Frauke Dietz