Zum Staunen und zur Freude

Schöpfung bewahren: Lebensraum Martin-Luther-Kirche

In diesem Jahr haben Martin und Käthe, unsere beiden Turmfalken, einen „Nachwuchsrekord“ aufgestellt. Sechs Jungvögel, so viele wie noch nie zuvor, schlüpften im Kirchturm. Inzwischen sind die Jungen schon ausgeflogen, aber vielleicht haben wir demnächst erstmalig auch kleine Schwalben an der Kirche, denn Mitte Juni hat ein Mehlschwalbenpaar es sich im vom Mössinger NABU gespendeten Nistkasten am Goethehäusle gemütlich gemacht.

Soviel Nachwuchs wie einst Luthers: Sechs Küken von Martin und Käthe im Turm

Wie in jedem Jahr zischt derweil momentan eine große Schar Mauersegler lautstark schreiend rund um die Kirche und erneut sind acht Brutpaare dabei, an Kirchturm, Kirche und Pfarrhaus ihren Nachwuchs großzuziehen

Im Wildbienenbeet am Goethehäusle, das im nunmehr dritten Jahr mit sehr gut eingewachsenen Stauden unermüdlich farbenfroh blüht, summt und brummt es an jeder Ecke und unzählig viele verschiedene Wildbienenarten, Schmetterlinge und andere Insekten suchen sich dort Nahrung. Auch Schwalbenschwanz und Bläuling sind zu Gast und am Wildbienenhaus wird Nisthilfe um Nisthilfe belegt.

Vom Hundeklo zum Blütenmeer: Wildstaudenpracht am Goethehäusle

Wenn es abends dann dunkel wird, gehört der Luftraum nicht nur den vielen Nachtfaltern, sondern auch Fledermäusen, die auf Jagd gehen.

Die Martin-Luther-Kirche wird damit immer noch mehr zum Lebensraum nicht nur für Menschen, sondern auch für viele verschiedene und oft auch bedrohte Tierarten. Wenngleich alle Artenschutzmaßnahmen nur kleine Zeichen sind, so sind sie doch ein winziger Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung und eine unendliche Quelle zum Staunen und zur Freude für uns Menschen.

Frauke Dietz und Uwe Braun-Dietz

Verblüffend farbenfrohe Blütenblatt-Verschlüsse im Wildbienenhaus

Angedacht

Nur was ich liebe…

Die Begeisterung war groß: „Ich seh‘ ihn! Ich seh‘ ihn! Oh! Er fällt gleich raus!“ Die Reliklasse war an der Martin-Luther-Kirche zum Thema „Gottes Schöpfung“ und die Kinder hatten oben im Turm eines der Turmfalkenjungen entdeckt. Jetzt beobachteten sie es fasziniert beim Flügelschlagen.

Danach ging es weiter. „Tschilp – Tschilp“ hörten die Kinder. „Was ist das für ein Vogel?“ Einer wusste es: „Ein Spatz!“ und plötzlich sahen und hörten ihn alle, entdeckten das Nest, sahen mit leuchtenden Augen Schmetterlinge, Bienen, Ameisen und immer mehr verschiedene Pflanzen wachsen und blühen.

Die lange Zeit des Homeschooling am Computer hat, so mein Eindruck, bei den Kindern eine regelrechte Sehnsucht nach echten, realen Sinneseindrücken und nach Begegnungen ausgelöst. Als wollten sie all das nachholen an gemeinsamen Entdeckungen, was ihnen in den letzten Monaten verwehrt war. Und während des Laufens herrschte deshalb auch ein unaufhörlicher Redefluss.

Für mich bestätigte sich wieder: Echte Begegnungen sind durch nichts zu ersetzen und kein digitales Medium schafft das, was solch ein Spaziergang an Eindrücken und Wahrnehmungen ermöglicht.

Solche Eindrücke sind letztlich auch die Basis für echtes Leben, Empathie, Freude und Glück.

Vom Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz stammt der Satz: „Nur was ich kenne, kann ich lieben. Nur was ich liebe, kann ich schützen“.

Recht hat er! Die nächste Generation kann diesen wunderschönen Planeten nur schützen, wenn sie ihn kennt, wenn sie die Natur wahrnimmt und kennenlernt, die Tiere sieht und versteht, was sie tun. Begegnen, wahrnehmen, staunen, lieben lernen sind Voraussetzung dafür, etwas zu schützen und zu bewahren.

Das gilt auch im weiteren Sinn: Nur wenn wir uns wahrnehmen und uns begegnen, bringt uns das zueinander. Die sozialen Medien sind immer anfällig für Missverständnisse und fehlende echte Begegnung führt schnell zu „Shitstorms“ und Verrohung im digitalen Umgang.

Zum Digitalisierungsschub brauchen wir deshalb viel stärker noch einen Wahrnehmungsschub - gerade nach der Pandemie. Im öffentlichen und kulturellen Leben, in der Gemeinde und auch im Gottesdienst: Echte Treffen sind wichtig. Ein Onlineangebot ersetzt analoge Begegnungen nie ganz. Das weiß jede und jeder nach all den Skype-, Zoom- und Teams-Meetings der letzten Zeit.

Gut deshalb, dass die Kinderkirchen und Teenykirche wieder starten und dass auch Chöre, Gruppen und Kreise wieder Räume und Möglichkeiten zur echten Begegnung haben. Das gehört zum Wesen von Gemeinde und entspricht dem Wesen Gottes. Denn schließlich sucht ja auch Gott immer die echte, wirkliche Begegnung mit uns.

Wozu wurde er sonst Mensch?

Einen fröhlichen Sommer und bis denne!

Ihre und eure Pfarrerin 

Frauke Dietz