Abschied von der Johannesglocke

Von Bästenhardt zurück nach Keisd

Vor dem Eingang in den Kirchenraum der Johanneskirche hängt die Johannesglocke, wie sie hier genannt wurde. Zu besonderen Gottesdiensten wie z.B. an der Konfirmation wurde sie geläutet. 1928 gegossen war sie ursprünglich für Keisd bestimmt, einem Ort in Rumänien, der vermutlich bereits im 12. Jahrhundert von den Siebenbürger Sachsen gegründet worden war. Wie die Glocke nach Bästenhardt kam, erzählt Edith Edith Ehrmann von der Heimatortsgemeinschaft (HOG) Keisd in einem Gedicht, das wir hier in Auszügen abdrucken. 

Sehnsucht

Von hoch oben, auf des Burgbergs Höh’n,

 konnte ich auf mein Dörfchen Keisd und weit darüber hinaus seh’n.

Fröhlich gingen die Bürger, Tag ein, Tag aus,

werktags ihrer Arbeit nach und sonntags ins Gotteshaus.

Voller Freude rief ich sie mit meinem Klang, zur Mittagsruhe und zum Kirchengang.

Doch es kam der Tag so schwer,

wo es hieß: „Du darfst nicht mehr!“

Krieg und Plünderungen sollten toben.

Und all das sah ich von dort oben.

Traurigkeit, Verzweiflung in allen Gassen,

der Burghüter hatte mich auch verlassen.

Hilflos musste ich zusehen wie auf leisen Sohlen,

verschiedene Gestalten Balken, Bretter und Ziegeln aus der Burg holen.

Oh, wie bange wurde mir

beim Gedanken: „Was wird aus mir?“

Doch die Rettung nahte bald!

Es war an einem Wintertage, klirrend kalt.

 Sieben Burschen, mutig und kräftig,

hatte dieser Gedanke auch beschäftigt.

So spannten sie ein Schlittchen an

und zogen es hinter sich bergan.

Ich hörte sie flüstern und raunen

und betrachtete mit großem Staunen

wie sie mich dann abmontierten,

und wir zusammen die Treppe herunter marschierten.

Ich freute mich – doch insgeheim,

sehnte ich mich schon wieder heim.

Auf dem Schlitten festgeschnallt, erhaschte ich noch einen letzten Blick,

dann ließen wir die Burg zurück.

Durch den Wald ging es – juchheissa,

über den Wëisem zum Gotschenbatcha.

In der Scheune schön versteckt,

 wurde ich zärtlich zugedeckt.

 Vor Aufregung wurde es dann um mich Nacht.

Bin irgendwann, viel später, hinter der Treppe der Keisder Kirche erwacht.

Viele Stimmen, Gebete und schöne Lieder erklangen.

Doch ich fragte mich, wieso sie mich nicht zu meinen Schwestern haben gehangen?

Hoch oben im Turm, das hatte ich mal vernommen, wäre ein Plätzchen für mich, da sollte ich hinkommen.

Wieso und weshalb, das ist wohl die Frage?

 Ich wollte doch erklingen, bis ans Ende meiner Tage!

Nun musste ich harren, hinter der Treppe versteckt.

Bis mich wohl wieder jemand entdeckt.

Dort lauschte ich still manch frohem und manch traurigem Gesang.

Bis er eines Tages immer spärlicher erklang.

„Der Exodus“ kam immer öfter zur Sprache, Was ist da wohl dran, an dieser Sache?

Das ist das, was ich dachte,

als mich eines Tages der Vorstand der HOG nach Westhausen brachte.

Hier sollte ich zu meiner Freude wieder erklingen,

auch für Nachkommen meiner Keisder, vor allen Dingen.

Doch die Freude hielt nicht lang,

denn ich harmonierte nicht im Klang

mit meinen Basen hier im Westen.

Drum hieß es einen neuen Weg zu testen.

Dieser führte mich nach Mössingen,

da sollte ich nun wohl erklingen.

Doch wie das Schicksal es so will, steht mein Klöppel auch hier nun still.

So harre ich nun schon einige Jahre hier

und denke so im Stillen bei mir:

Wie wäre es wohl gekommen,

hätten die wackeren Burschen mich nicht aus der Burg genommen?

Denn unlängst habe ich vernommen, der Keisder Turm, er wurde restauriert.

Schön und stolz er sich nun wieder präsentiert.

Auch sein Innenleben ist zum Leben erweckt, da wurde sogar das ursprüngliche Plätzchen entdeckt,

welches genau für mich würde passen.

Ob mich meine Herren nach Hause lassen?

Oh, das wäre mein höchstes Glück!

Denn ich sehne mich so sehr zurück!

 

Ein Brief aus Keisd

Diese hier ausgedrückte Sehnsucht entspringt dem Herzen der Kirchengemeinde in Keisd. 2020 wurde der denkmalgeschützte Turm der Stephanskirche mit viel Aufwand und Fördergeldern der EU restauriert. Nun hat sich das Presbyterium an den Kirchengemeinderat Mössingen mit der Bitte gewandt, die Glocke an dem dafür vorgesehenen Platz aufhängen zu dürfen.

Diesem Wunsch wollen wir entsprechen, damit die Glocke ihrer zweiten Aufschrift gerecht werden kann: Ich wache u. wecke

Am Sonntag, den 25. Juli werden wir mit der Johannesglocke zum letzten Mal einen Gottesdienst einläuten und sie dann zur Heimreise übergeben.

Und unser Glockenturm?

Vor vielen Jahren gab es verschiedene Aktionen, um Spenden für einen Glockenturm an der Johanneskirche zu sammeln. Die Glocke ist weg, das Geld ist immer noch da. Auf der Bank rostet es zwar nicht, aber da klar ist, dass in absehbarer Zeit kein Turm gebaut werden kann, muss sich der Kirchengemeinderat in den nächsten Sitzungen damit beschäftigen, wie das Geld sinnvoll und entsprechend dem Anliegen der Spender und Spenderinnen eingesetzt werden kann.

Matthias Krämer

Angedacht

Nur was ich liebe…

Die Begeisterung war groß: „Ich seh‘ ihn! Ich seh‘ ihn! Oh! Er fällt gleich raus!“ Die Reliklasse war an der Martin-Luther-Kirche zum Thema „Gottes Schöpfung“ und die Kinder hatten oben im Turm eines der Turmfalkenjungen entdeckt. Jetzt beobachteten sie es fasziniert beim Flügelschlagen.

Danach ging es weiter. „Tschilp – Tschilp“ hörten die Kinder. „Was ist das für ein Vogel?“ Einer wusste es: „Ein Spatz!“ und plötzlich sahen und hörten ihn alle, entdeckten das Nest, sahen mit leuchtenden Augen Schmetterlinge, Bienen, Ameisen und immer mehr verschiedene Pflanzen wachsen und blühen.

Die lange Zeit des Homeschooling am Computer hat, so mein Eindruck, bei den Kindern eine regelrechte Sehnsucht nach echten, realen Sinneseindrücken und nach Begegnungen ausgelöst. Als wollten sie all das nachholen an gemeinsamen Entdeckungen, was ihnen in den letzten Monaten verwehrt war. Und während des Laufens herrschte deshalb auch ein unaufhörlicher Redefluss.

Für mich bestätigte sich wieder: Echte Begegnungen sind durch nichts zu ersetzen und kein digitales Medium schafft das, was solch ein Spaziergang an Eindrücken und Wahrnehmungen ermöglicht.

Solche Eindrücke sind letztlich auch die Basis für echtes Leben, Empathie, Freude und Glück.

Vom Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz stammt der Satz: „Nur was ich kenne, kann ich lieben. Nur was ich liebe, kann ich schützen“.

Recht hat er! Die nächste Generation kann diesen wunderschönen Planeten nur schützen, wenn sie ihn kennt, wenn sie die Natur wahrnimmt und kennenlernt, die Tiere sieht und versteht, was sie tun. Begegnen, wahrnehmen, staunen, lieben lernen sind Voraussetzung dafür, etwas zu schützen und zu bewahren.

Das gilt auch im weiteren Sinn: Nur wenn wir uns wahrnehmen und uns begegnen, bringt uns das zueinander. Die sozialen Medien sind immer anfällig für Missverständnisse und fehlende echte Begegnung führt schnell zu „Shitstorms“ und Verrohung im digitalen Umgang.

Zum Digitalisierungsschub brauchen wir deshalb viel stärker noch einen Wahrnehmungsschub - gerade nach der Pandemie. Im öffentlichen und kulturellen Leben, in der Gemeinde und auch im Gottesdienst: Echte Treffen sind wichtig. Ein Onlineangebot ersetzt analoge Begegnungen nie ganz. Das weiß jede und jeder nach all den Skype-, Zoom- und Teams-Meetings der letzten Zeit.

Gut deshalb, dass die Kinderkirchen und Teenykirche wieder starten und dass auch Chöre, Gruppen und Kreise wieder Räume und Möglichkeiten zur echten Begegnung haben. Das gehört zum Wesen von Gemeinde und entspricht dem Wesen Gottes. Denn schließlich sucht ja auch Gott immer die echte, wirkliche Begegnung mit uns.

Wozu wurde er sonst Mensch?

Einen fröhlichen Sommer und bis denne!

Ihre und eure Pfarrerin 

Frauke Dietz