Streifzug durch vier Jahrhunderte Orgelgeschichte

200 Jahre Weinmar-Orgel in der Peter-und-Paulskirche

In voller Pracht: Die Weinmar-Orgel heute

Im Jahr 2021 jährt sich der Neubau unserer historischen Weinmar-Orgel zum 200. Mal. Im Dezember 2017, also vor gut drei Jahren, hat die UNESCO Orgelbau und Orgelmusik zum immateriellen Kulturerbe deklariert.

Für Orgelbauer und Organisten war diese Nachricht eine große Freude, weil uns bewusst ist, wie viel „Hand-Werks-Kunst“ (im wahrsten Sinne des Wortes) in diesen Instrumenten und in der Musik stecken. Ganz bewusst hat die UNESCO auch die vielen lokal- und regionalspezifischen Orgelbaustile gewürdigt, deren Ausprägungen selbst Organisten und Kirchenmusikern

nur oberflächlich vertraut sind, gerade weil es so viele Unterschiede und Traditionen gibt.

Als Folge der Aufnahme von Orgelbau und Orgelmusik in die UNESCO-Liste haben etliche Landesmusikräte  die Orgel zum „Instrument des Jahres 2021“ gekürt. So trifft es sich, dass unsere Mössinger Weinmar-Orgel just in diesem „Jahr der Orgel“ ihren 200. Geburtstag feiern darf. Wer sich schon einmal mit der Orgelgeschichte in der Peter-und-Paulskirche beschäftigt hat, ist womöglich irritiert. Oftmals wurde unsere Orgel auf das Jahr 1733 datiert, dann wieder 1820, und jetzt auf einmal auf 1821? Was es damit auf sich hat, erfahren Sie im Laufe dieses Textes.

Zunächst müssen wir jedoch folgendes festhalten: Orgelgeschichte ist bewegte Geschichte und sie lässt sich vielleicht ganz gut mit der Architektur vergleichen. Ein Gebäude verändert sich mit der Zeit und den Menschen, die es betreten. Seine Nutzung, die Neuerungen der Technik, ästhetische Überlegungen und ökonomische Gegebenheiten bestimmen seit Anbeginn den Lauf der Architekturgeschichte.  So kennen sicher viele die Veränderungen der Peter-und-Paulskirche oder den großen Umbau der Martin-Luther-Kirche. Nicht unähnlich verlief die Geschichte unserer Orgel in der Peter-und-Paulskirche.

Die Orgel aus dem 18. Jhd.

Um die Geschichte der Mössinger Orgeln ein wenig zu entflechten, müssen wir zurück ins Jahr 1673, wo ein Orgelwerk auf der „Bohrkirch“ stand, also auf der Westempore. Aus dieser Zeit sind einige Vermerke erhalten, weil es immer wieder darum ging, den Kirchenchor von der Empore in den Chorraum zu verfrachten. Schon 1675 existierten Pläne, die Orgel zu reparieren oder gar ganz neu zu bauen. Sicher hat man die Orgel instandgehalten, aber zu einem umfassenden Neubau kam es erst 1731. Fälschlicherweise hatte man in Mössingen zunächst 1733 als Baujahr der Orgel gehalten, diese Jahreszahl steht heute noch auf dem Spieltisch. Wir wissen heute mit Sicherheit, dass die „neue“ Orgel im Jahr 1731 von Orgelbaumeister Vischer (auch Fischer) aus Tübingen gebaut wurde, der vormals ein Mössinger gewesen war.

Zur Finanzierung der Orgel gab es 1731 eine ganz besondere Fundraising-Aktion: „So bald man […] nunmehro in vollkommenem Stand dastehenden Orgelwerckh in his. Kirch […] gehabt, haben Herr Pfarrer, Schultheiß und Hyligenpfleger (Anm.: heute „Kirchenpfleger“) einen allgemeinen Durchgang durch die gantze Jnnwohnerschaft sowohl verheiratet als auch unverheirateten Manns- und Weibspersonen gehalten und ein jedes zu einer freywilligen Beystewer zue diesem Gott so wohlgefällige Werckh animirt worinnen sich dann auch gar viel und fast die mehrste nicht ohngeneigt sondern ergibig finden lassen“

Mit diesem „Durchgang“ konnten die drei Herren tatsächlich 101,5 Gulden erbitten, was fast die Hälfte des Anschaffungspreises der neuen Orgel entsprach. Mit dem Orgelbaumeister Eberhard Vischer hatte man einen Preis von 220 fl. vereinbart.

Am 4. Sonntag nach Trinitatis anno 1731 wurde die Vischer-Orgel eingeweiht, das Datum müsste der 17. Juni gewesen sein. Danach gibt es keine Aufzeichnungen mehr, außer, dass der Bondorfer Orgelmacher Weinmar im Jahr 1819 diese Vischer-Orgel noch einmal für einen Lohn von 16 fl. gestimmt hat. Zu gerne wäre ich bei dieser Stimmung dabei gewesen und hätte gehört, was Weinmar über die Vischer-Orgel gedacht hat, denn schon ein Jahr nach dieser Stimmung bekam Johann Jakob Weinmar den Auftrag, eine neue Orgel für die Peter-und-Paulskirche zu bauen.

Der Weg zum Neubau

Warum dieser Neubau notwendig war, darüber können wir nur spekulieren. Vom Mössinger Pfarrer Dann ist überliefert, dass ihn „die Orgel in Mössingen reue, (…) weil die alte restauriert anderswo noch gute Dienste tat.“ Offensichtlich waren mehrere Überlegungen gemacht worden: erstens sollte die Orgel wahrscheinlich nicht mehr auf der Turmempore stehen, sondern im Chorraum, so dass besser mit dem Chor musiziert werden konnte. Zweitens scheint die gravierendste Änderung zur Vischer-Orgel der Bau eines Pedalwerkes zu sein. Man kann nur spekulieren, ob sich die Mössinger vielleicht einen etwas gravitätischeren Klang gewünscht haben. Jedenfalls entspricht das von Weinmar erbaute Instrument dem „state of the art“ einer Dorforgel des ausgehenden 18. Jahrhunderts und machte viele Kompositionen süddeutscher und österreichischer Orgelmusik durch das neugebaute Pedal spielbar.

Die Vischer-Orgel von 1731 wurde aber nicht einfach weggeworfen, sondern für 225 fl. nach Marschalkenzimmern verkauft, wo sie bis mindestens 1907 ihren Dienst tat. Leider ist ihre Spur heute verloren.

Aufzeichnungen aus dem beginnenden 19. Jahrhundert sind heute leider rar, trotz intensiver Recherche ist nicht viel überliefert. Wir wissen mit Sicherheit, dass Johann Jakob Weinmar für die neue Orgel die Summe von 836 fl. ausgezahlt worden ist. Aus den Aufzeichnungen des Stadtarchivs Mössingen geht hervor, dass das Geld im Jahr 1820 ausbezahlt worden ist. Wir können daher annehmen, dass die Orgel zwar 1820 in Auftrag gegeben, aber erst 1821 ausgeliefert und aufgebaut worden ist. Dafür spricht auch die in einen Spunddeckel geritzte Jahreszahl „1821“. So kommt es, dass nun insgesamt vier Jahreszahlen (1731, 1733, 1820, 1821) für eine Orgel publiziert wurden, die in Wahrheit zwei Orgeln waren.

Die eingeritzte Zahl 1821 im Spunddeckel

„Eine meisterhaft liebliche Orgel“

1821 erklang dann Mössingens neue Weinmar-Orgel, zum ersten Mal in der Geschichte der Peter-und-Paulskirche nicht von der Westempore, sondern von einer in den Chorraum gebauten Orgelempore. Das neue Instrument hatte nun 13 Register auf einer Klaviatur (Manual) und Pedal. Sieben Jahre danach, 1828 wird die Orgel in einem Pfarrbericht erwähnt: „Die Kirche ist solide gebaut, auch sonst in gutem baulichen Zustand,[…] mit einer meisterhaften lieblichen Orgel, die einen ausnehmend schönen Gesang begleitet“.

A propos Gesang: 1839 wurde der Platz im Chorraum vergrößert, um einen vierstimmigen Chor aufstellen zu können, 1841 heißt es im Pfarrbericht: „Seit vielen Jahren ist hier schon durch die Bemühungen des sei. Dann ein sanfter, harmonischer Kirchengesang eingeführt; in Belsen hat er sich weniger erhalten. Die Gemeinde zeigt hierfür vielen Sinn und er wird durch den hier bestehenden Gesangverein Erwachsener, welche besonders an Festtagen, oft größere Musikstücke passenden Inhalts vortragen, erhalten und befördert.

Im Lauf der Jahre wurde die Weinmar-Orgel immer wieder gewartet und überholt und schon Anfang der 1840 begann man damit, die Orgel umzubauen. Das ist schon immer gängige Praxis gewesen, denn wie man in einem Haus manchmal Zimmer tauscht, Sofas hin- und herträgt oder den Dachboden ausbaut, so rücken auch die Orgelbauer gerne Pfeifen, nehmen welche raus oder stellen andere rein. 1901 verlässt wohl eine „Holzposaune“ aus dem Pedal die Orgel, ein sehr schwer zu bauendes und äußerst schönes Register. Warum das passiert ist, wissen wir nicht, vielleicht hat sie nicht mehr so gut funktioniert oder passte nicht in die Klangvorstellung der Zeit. Schade! Diese Art von Pfeifen wären heute aus Sicht der Organisten und Organologen ein enormer Zugewinn für das Instrument. Sie fehlen schmerzlich. Dafür wurde ein neues Register eingebaut, ein sehr interessanter Violonbass, der ursprünglich von einem Orgelbauer(-Gehilfen) aus Reutlingen gestammt haben muss. Diese großen Holzpfeifen wurden schon 1858 gebaut und taten ihren Dienst zunächst in einer anderen Orgel, bevor sie von der Orgelbaufirma Link nach Mössingen vermittelt wurden.

Kurz vor dem 100. Geburtstag unserer Orgel passierte dann die Tragödie: im Zuge des ersten Weltkrieges wurden die großen Prospektpfeifen aus hochwertigem Zinn 1917 zur Waffenproduktion beschlagnahmt, eingeschmolzen und gingen für die Mössinger Orgel unwiederbringlich verloren. Zwar gab es eine unverschämt kleine Entschädigung, aber davon war kein Ersatz zu bezahlen. Doch die Mössinger wären keine Mössinger, wenn nicht schon ein Jahr nach Kriegsende wieder neue Pfeifen in der Orgel gestanden hätten. Mit vereinten Kräften erklang die Orgel 1920 wieder zum Konfirmationsgottesdienst, allerdings (schwäbisch-pragmatisch) mit Pfeifen aus preisgünstigem Zink, wohl, weil es das einzige war, was es nach dem Krieg gegeben hatte. 

Danach ist eine ganz besondere Episode überliefert. Im Zuge einer Innenrenovierung wurde die Orgelempore am 18. Juli 1922 abgebrochen. Die Mössinger Zimmerleute Steeb, Schweiker, Haap, Maier und Streib ließen die Orgel mitsamt dem Emporenboden an vier Seilwinden auf den Boden des Chorraumes „schweben“.

Diese Praxis ist aus mehreren Kirchen bekannt. Ob (wie an anderen Orten überliefert) der Organist während dieses Vorgangs zur Kontrolle der Funktionsfähigkeit auf der Orgel spielen musste, ist nicht bekannt. Unten angekommen, wurde dem Instrument noch eine weitere technische Neuerung zuteil: Man baute einen elektrischen Orgelmotor ein und machte die Kalkanten, also die menschlichen Balgtreter, überflüssig. Nur ein Registerzug am Spieltisch weist heute noch auf das Glöckchen hin, mit dem der Organist vor 1922 die Kalkanten „aktivieren“ konnte. Heute ist dieser Zug der Schalter für den Orgelmotor.

 

Orgelempore vor dem Umbau 1922, als die Orgel dann nach unten „schwebte“. Die Pfeifen des Prospekts fehlen und geben ein trauriges Bild.

 

Umbau statt Neubau in den 70ern

In den 1960er-Jahren gab es, maßgeblich unter Initiative des Lehrers und Kirchenmusikers Siegfried Busch, umfassende Gedanken zu einem Neu- oder Umbau der Orgel. Schon 1946 machte der Orgelsachverständige Dr. Walter Supper einen Anlauf, die Orgel umzubauen und ein zweites Manual hinzuzufügen, um so einen größeren Teil der Orgelliteratur überhaupt spielbar zu machen. 1965 fertigte er dann ein Gutachten zum Zustand der Orgel an, und zweifelte, ob die historischen Teile überhaupt noch verwendet werden könnten. Er empfahl, die Orgel im Falle eines zu weit fortgeschrittenen Verfalls abzureißen und eine neue einzubauen, teilweise unter Verwendung der Pfeifen von Johann Jakob Weinmar. Den Zuschlag für die Maßnahmen bekam die Orgelbaufirma Rensch, und deren Chef, Orgelbaumeister Richard Rensch, befasste sich eingehend mit der Orgel. Er setzte sich – zum Glück – über die Ideen und Vorstellungen von Walter Supper hinweg und versuchte, das Instrument möglichst historisch informiert zu erweitern. Heute sind wir dankbar, dass das so passiert ist, denn mit den Klangvorstellungen der 1960er- und 70er-Jahre verhält es sich genauso wie mit der Architektur dieser Dekaden.

1972 wurde die Orgel aus der Peter-und-Paulskirche sorgfältig auseinandergebaut und in die Orgelbauwerkstatt nach Lauffen gebracht. Zwei Jahre später wurde die Orgel wieder in die Kirche gebracht, mit einem neu gestrichenen Gehäuse, einem zusätzlichen Manual und 10 neuen Registern.

In den Folgejahren gab es dank engagierten Verantwortlichen wie Siegfried Busch und einem Orgelbauverein zahlreiche Orgelkonzerte mit namhaften Organisten aus ganz Deutschland, darunter Wolfgang Stockmeier, Martha Schuster und Edgar Krapp. Letzterer spielte in unserer Kirche auch Schallplatten ein, zusammen mit dem Rundfunk-Orchester des RIAS aus Berlin. Letztendlich kann man sagen, dass es (u.a.) auch dieser Anstrengung und diesem Engagement zu verdanken ist, dass Mössingen überhaupt einen hauptamtlichen Kirchenmusiker hat.

 

Seit 1974 mit zwei Manualen

 

Gegenwärtiger Stand

Seitdem tut die neue, alte Orgel ihren Dienst (meistens) zuverlässig an Sonn- und Feiertagen, bei Hochzeiten, Taufen, Trauerfeiern und nicht zuletzt auch beim Unterricht des Organistennachwuchses. Wenn man annimmt, dass die Orgel an allen Sonn- und Feiertagen im Jahr gespielt wird, dann kommt man locker auf 75 Einsätze, zusätzlich alle Hochzeiten und Kasualien gerechnet, kommt man sicher auf 100-120 Dienste im Jahr. Und unter der Woche üben zahlreiche Organisten für Gottesdienst und Konzert. Im Laufe von 200 Jahren kommt man dabei auf schwindelerregende Dienstzahlen.

Dafür steht die „alte Dame“ noch ganz gut da. Hier und da ist der Lack etwas ab, ein paar Pfeifen sind ausgebeult und die Pfeifenfüße unter der Last vieler Jahre eingesunken. Und seit 26 Jahren ist keine Ausreinigung mehr geschehen, was in den nächsten Jahren dringend erforderlich sein wird.

Innen ist die Orgel ziemlich verstaubt und verdreckt Zu allem Überfluss hat sich Schimmel gebildet, der beseitigt werden muss, bevor er richtig blüht. Allein diese Arbeiten, die rein als funktionserhaltende Maßnahmen gewertet werden müssen, kosten die Kirchengemeinde 40.000 €.

Dazu kommt, dass die technischen Umbauten aus den 70er-Jahren auch dem Stand der Technik und der Forschung dieser Zeit entsprechen. Multiplex- und Sperrholzplatten, Plastikrohre, Aluminiumstangen und aus heutiger Sicht nicht historisierendes Pfeifenmaterial prägen das Bild des Instruments.

Das „neue“ Schwellwerk ist sehr zurückhaltend gebaut worden und steht darüber hinaus noch ganz hinten, von den Pedalpfeifen verdeckt. Es verschmilzt klanglich und dynamisch nicht mit dem historischen Teil der Orgel.

Dazu ist die Traktur schwergängig geworden, die Schwelljalousien sind aus Kostengründen innen hohl. Die Mechanik ist ausgeschlagen und von Zeit zu Zeit brechen die feinen Teile der Holzmechanik. Wenn man ganz ehrlich ist, hat der historische Teil, der aus massivem Eichen- und Tannenholz und Schafsleder besteht, wahrscheinlich eine längere Lebenserwartung als der „neue“ Teil der 1970er-Jahre.

 

Blick ins Innenleben der „Alten Dame“

Im letzten Jahr wurde die Orgel dann von Sachverständigen begutachtet. Vieles, was wir erahnt haben, ist im Gutachten bestätigt worden. Die letzte Orgel Johann Jakob Weinmars, der 1822 starb, ist, so das Gutachten, ein „Kulturgut herausragenden Ranges“.

Orgelbau funktioniert ähnlich wie gute Küche und Bäckerei: er lebt von Familienrezepten. Weinmars Vater, Johannes Weinmar war ein bekannter Orgelbauer und lieferte große, reich verzierte und meisterliche Instrumente nach Nagold, Freudenstadt, Neuenbürg, Fellbach und viele andere Orte. In Bondorf gibt es bis heute das „Orgelmacherhaus“, die ehemalige Werkstatt der Weinmars. Vater Weinmar zeigte seinem Sohn, wie er seine Orgeln baute. Anhand der Orgeln in Holzhausen und Gräfenhausen können Fachleute über bestimmte Berechnungen der Pfeifeneigenschaften Rückschlüsse auf den Erbauer ziehen und die dabei entstehenden Datensätze vergleichen. Heute wissen wir, dass Johann Jakob Weinmar zwar nach „Familiengrundrezept“ Orgeln baute, diese Rezepte aber immer weiter änderte und in vielen Dingen auch neue Wege suchte. Die Mössinger ist das letzte und größte erhaltene Instrument von Johann Jakob Weinmar, also auch biographisch ein „opus ultimum“.

Finanzielle Herausforderungen

Was ist also nötig? Im ersten Schritt muss die Orgel ausgereinigt und Maßnahmen ergriffen werden, die dem Schimmel zuverlässig vorbeugen. Darüber hinaus sollten kosmetische Veränderungen vorgenommen werden, zum Beispiel der Austausch der prominenten Spieltischbeleuchtung und eine Neuintonation. Danach muss sich unsere Kirchengemeinde Gedanken machen, wie es weitergehen soll. Aus meiner Sicht ist es wünschenswert, die Substanz der Maßnahmen aus dem Umbau der 70er-Jahre zu überarbeiten und die Orgel noch weiter an eine originale Bauweise anzunähern. Heute, also 50 Jahre nach dem Umbau, ist klar, dass die Orgelbauregion zwischen Albtrauf und Schwarzwald eine ganz andere  Charakteristik hat als z. B. Oberschwaben oder das Elsass. Diese Erkenntnisse sollten bei einer Überholung berücksichtigt werden. Dazu braucht es Zeit, weitere Nachforschung, einen erfahrenen Orgelbauer und vor allem Geld.

Die Landeskirche fördert seit Jahrzehnten keine Orgelbauprojekte und Maßnahmen zum Erhalt der Instrumente mehr, Bezirke und Gemeinden müssen deshalb 100% der benötigten Mittel alleine aufbringen, was ohne zusätzliche Spenden nicht geht.

Im Laufe des Jahres wird das Thema sicher noch mehrmals auftauchen und dann hoffen wir auf Sie: helfen Sie mit, dass die „alte Dame“ auch in den nächsten 200 Jahren ihren Dienst noch tun kann!

Nikolai Ott

Dieser Artikel fasst nach bestem Wissen und Gewissen den Stand der Forschung 2020 zusammen. Mehrere in der Gemeinde Aktive, darunter Pfarrer Ulrich Gohl und Bezirkskantor Günther Löw, haben umfassende Recherchen zur Weinmar-Orgel angestellt, auf die ich gerne zurückgegriffen habe und für deren Arbeit ich mich an dieser Stelle sehr bedanken will. Darüber hinaus sei auch dem Orgelsachverständigen der Landeskirche, KMD Stephen Blaich herzlich für die ausführlichen Informationen und seine Arbeit mit Orgel und Gutachten gedankt.

Fotos: Joachim Klingner, Marburger Bildindex

Angedacht

Nur was ich liebe…

Die Begeisterung war groß: „Ich seh‘ ihn! Ich seh‘ ihn! Oh! Er fällt gleich raus!“ Die Reliklasse war an der Martin-Luther-Kirche zum Thema „Gottes Schöpfung“ und die Kinder hatten oben im Turm eines der Turmfalkenjungen entdeckt. Jetzt beobachteten sie es fasziniert beim Flügelschlagen.

Danach ging es weiter. „Tschilp – Tschilp“ hörten die Kinder. „Was ist das für ein Vogel?“ Einer wusste es: „Ein Spatz!“ und plötzlich sahen und hörten ihn alle, entdeckten das Nest, sahen mit leuchtenden Augen Schmetterlinge, Bienen, Ameisen und immer mehr verschiedene Pflanzen wachsen und blühen.

Die lange Zeit des Homeschooling am Computer hat, so mein Eindruck, bei den Kindern eine regelrechte Sehnsucht nach echten, realen Sinneseindrücken und nach Begegnungen ausgelöst. Als wollten sie all das nachholen an gemeinsamen Entdeckungen, was ihnen in den letzten Monaten verwehrt war. Und während des Laufens herrschte deshalb auch ein unaufhörlicher Redefluss.

Für mich bestätigte sich wieder: Echte Begegnungen sind durch nichts zu ersetzen und kein digitales Medium schafft das, was solch ein Spaziergang an Eindrücken und Wahrnehmungen ermöglicht.

Solche Eindrücke sind letztlich auch die Basis für echtes Leben, Empathie, Freude und Glück.

Vom Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz stammt der Satz: „Nur was ich kenne, kann ich lieben. Nur was ich liebe, kann ich schützen“.

Recht hat er! Die nächste Generation kann diesen wunderschönen Planeten nur schützen, wenn sie ihn kennt, wenn sie die Natur wahrnimmt und kennenlernt, die Tiere sieht und versteht, was sie tun. Begegnen, wahrnehmen, staunen, lieben lernen sind Voraussetzung dafür, etwas zu schützen und zu bewahren.

Das gilt auch im weiteren Sinn: Nur wenn wir uns wahrnehmen und uns begegnen, bringt uns das zueinander. Die sozialen Medien sind immer anfällig für Missverständnisse und fehlende echte Begegnung führt schnell zu „Shitstorms“ und Verrohung im digitalen Umgang.

Zum Digitalisierungsschub brauchen wir deshalb viel stärker noch einen Wahrnehmungsschub - gerade nach der Pandemie. Im öffentlichen und kulturellen Leben, in der Gemeinde und auch im Gottesdienst: Echte Treffen sind wichtig. Ein Onlineangebot ersetzt analoge Begegnungen nie ganz. Das weiß jede und jeder nach all den Skype-, Zoom- und Teams-Meetings der letzten Zeit.

Gut deshalb, dass die Kinderkirchen und Teenykirche wieder starten und dass auch Chöre, Gruppen und Kreise wieder Räume und Möglichkeiten zur echten Begegnung haben. Das gehört zum Wesen von Gemeinde und entspricht dem Wesen Gottes. Denn schließlich sucht ja auch Gott immer die echte, wirkliche Begegnung mit uns.

Wozu wurde er sonst Mensch?

Einen fröhlichen Sommer und bis denne!

Ihre und eure Pfarrerin 

Frauke Dietz