Gebetsbriefkasten

In der Peter-und-Paulskirche steht ein Gebetsbriefkasten. Sie können Gebetswünsche aufschreiben, wir schauen regelmäßig nach und bringen die Anliegen vor Gott. Herzliche Einladung! Ihr Pfarrer Rieger

 

Angedacht

Palmsonntag, 05.04.2020

Evangelisches Gesangbuch Nummer 650 

  1. Liebe ist nicht nur ein Wort,

Liebe, das sind Worte und Taten.

Als Zeichen der Liebe ist Jesus geboren,

als Zeichen der Liebe für diese Welt.

 

  1. Freiheit ist nicht nur ein Wort,

Freiheit, das sind Worte und Taten.

Als Zeichen der Freiheit ist Jesus gestorben,

als Zeichen der Freiheit für diese Welt.

 

  1. Hoffnung ist nicht nur ein Wort,

Hoffnung, das sind Worte und Taten.

Als Zeichen der Hoffnung ist Jesus lebendig,

als Zeichen der Hoffnung für diese Welt.

 

„Das hat er nicht verdient!“ Dieser Satz ist mir hängengeblieben. Es war der enttäuschte Kommentar einer Frau zur Beerdigungsfeier ihres Ehemannes. Keine Orgel, kein Chor, keine Gemeinde, keine Freunde und Nachbarn, nicht einmal die Verwandtschaft darf kommen. So will es die Verordnung. Gerade einmal fünf Personen und direkte Familienangehörige dürfen mit ausreichend Abstand am Grab stehen.

Die gewohnte Rituale wie Aufbahrung, beim Essen zusammensitzen und reden, all das, was sonst selbstverständlich dazugehört ist nicht mehr möglich. Dabei brauchen wir es doch, um von dem Menschen Abschied nehmen zu können, der ein Teil unseres Lebens war. Und außerdem soll eine „anständige“, eine würdevolle Beisetzung eben auch ein Zeichen unserer Wertschätzung und Liebe sein.

Mit dieser Erfahrung, die wir gerade machen müssen, verstehen wir etwas besser, was damals beim Tod Jesu passiert ist. Er wurde mitten aus dem Leben herausgerissen, plötzlich, unerwartet. Seine Familie, seine Freunde und Freundinnen hatten keine Möglichkeit Abschied zu nehmen. Wie ein Verbrecher wurde er hingerichtet. Es war zum Verzweifeln. Und dann blieb keine Zeit für eine anständige, würdevolle Beisetzung. Jesus starb wenige Stunden vor dem Feiertag, der in der jüdischen Tradition schon mit Sonnenuntergang beginnt. Nicht einmal fünf Personen waren dabei, als Jesus ins Grab gelegt wurde. Es blieb keine Zeit für das Klagen und Weinen, keine Zeit für die Waschung und Salbung mit wohlriechenden Ölen. Der letzte Liebesdienst wurde Jesus versagt.

Zumindest an diesem Tag und an diesem Ort, denn zwei Tage vor seinem Tod hat eine Frau gerade diesen Liebensdienst an Jesus getan.

Jesus war in Betanien bei Simon, dem Aussätzigen, zu Gast. Während des Essens kam eine Frau herein. Sie hatte ein Fläschchen mit reinem, kostbarem Nardenöl. Das öffnete sie und goss Jesus das Öl über den Kopf.

Einige der Anwesenden waren empört darüber. „Was soll diese Verschwendung?“, sagten sie zueinander. „Dieses Öl hätte man für mehr als dreihundert Silberstücke verkaufen und das Geld den Armen geben können!“ Sie machten der Frau heftige Vorwürfe.

Aber Jesus sagte: „Lasst sie in Ruhe! Warum bringt ihr sie in Verlegenheit? Sie hat eine gute Tat an mir getan. Arme wird es immer bei euch geben und ihr könnt ihnen helfen, sooft ihr wollt. Aber mich habt ihr nicht mehr lange bei euch. Sie hat getan, was sie jetzt noch tun konnte: Sie hat meinen Körper im Voraus für das Begräbnis gesalbt.

Ich versichere euch: Überall in der Welt, wo in Zukunft die Gute Nachricht verkündet wird, wird auch berichtet werden, was sie getan hat. Ihr Andenken wird immer lebendig bleiben.“ (Markus 14,3-9)

Die Frau tut, was sie kann, und sie tut es von ganzem Herzen, gibt und legt ihr Innerstes in ihr Tun hinein. Es ist wirklich ein Liebesdienst, und es ist zugleich ein Gottesdienst. Sie salbt Jesus, wie der Messias, der Christus gesalbt wurde. Es ist ein Zeichen der Liebe und des Glaubens an den einen, der von Gott kommt, der sich den Menschen gleichstellt, ihre Krankheiten erduldet, ihr Leid teilt, ihre Belastungen und Fehler auf sich nimmt. Die Salbung ist ein Zeichen der Liebe und des Glaubens an den einen, den Gott zu den Menschen geschickt hat als Helfer und Tröster, Retter und Befreier.

Aber glauben die anderen um Jesus herum das nicht auch? Haben sie es nicht auch alle bekannt.

Es ist Palmsonntag. Heute wird an die Geschichte erinnert, wie Jesus auf einem Esel in Jerusalem einzieht. Da stehen alle Generationen ohne jeden Sicherheitsabstand am Straßenrand, jubeln und brüllen: „Du bist der Gesalbte, der König, der Helfer, der von Gott kommt!“ Als Zeichen bilden sie einen „roten Teppich“, indem sie ihre Kleider und Palmzweige auf dem Boden ausbreiten.

Alle in Jerusalem haben darüber geredet, wie Jesus Kranke heilt und sogar einen Toten wieder ins Leben zurückholt. Sie haben die Geschichten gehört, dass Gott mit Jesus eine neue Welt, eine neue Zeit begründet. So strömen sie zusammen und machen ein großes Fest daraus. Aber als das Fest vorbei ist, ist es auch mit dem Gottesdienst vorbei. Es gibt wieder Anderes, Wichtigeres zu tun.

Es gibt wieder Wichtigeres zu tun, als Jesus zu feiern. Das ist dann auch die Meinung der Männer, die um Jesus herumsitzen. Verächtlich sehen sie auf die Frau, die alles und sich selbst Jesus hingibt. Es gibt kein Verständnis für ihren Dienst und was er für eine Bedeutung hat. Es ist ihrer Meinung nach Zeit, etwas für die Armen, den Nächsten, die Mitmenschen zu tun.

Was ist denn nun wichtiger, Gottesdienst oder Dienst am Nächsten?

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Das Liebesgebot Jesu macht deutlich, dass Gottesliebe und Nächstenliebe nicht Alternativen sind, die gegeneinander ausgespielt werden können. Jesus mischt sich in das Gespräch der Männer ein, das diese hinter vorgehaltener Hand über ihn und die Frau führen. Er will mitreden, mit einbezogen werden und wendet sich mit seinen Worten an die Gesellschaft, die sich um ihn versammelt haben. In seiner Ansprache wird Jesus sehr deutlich und deckt, auf, dass der Verweis auf den Dienst am Nächsten richtig und zutreffend ist, hier aber nur vorgeschoben wird und kein Herzensanliegen ist.

Gilt das nur für die Zeit damals? Was ist bei uns jetzt dran? Gottesdienst oder Nächstenliebe?

Weil es Menschen in unserer Gemeinschaft gibt, deren Leben durch eine Ansteckung mit dem Coronavirus bedroht ist, sind Zusammenkünfte in Kirchen, Synagogen und Moscheen verboten. Es ist erfreulich zu beobachten, wie Kranke und Ältere versorgt sind, und wie viele sich auch bei uns im Nachbarschaftshilfenetzwerk engagieren. Gar nicht genug kann den Ärzten und Ärztinnen, den Pfleger und Pflegerinnen gedankt werden und allen, die für Nachschub und Unterhalt sorgen.

Dagegen gibt es am Palmsonntag keine fröhlichen Familiengottesdienst, am Gründonnerstag feiern wir nicht zusammen Abendmahl, Karfreitag bleiben wir zuhause und Ostern wird kein Fest, wie wir es kennen.

Keine Gottesdienste – alternativlos?

Ministerpräsident Kretschmann schreibt diese Woche in einem Brief an die Gläubigen der christlichen Kirchen: „Dieses Jahr werden wir hier im besonderen Maße kreative Lösungen brauchen, um trotz der Beschränkungen Gemeinschaft erleben zu können. … In diesen Zeiten brauchen wir Botschaften der Hoffnung, des Mutes und der Stärke mehr denn je, und wir brauchen die Gemeinschaft im Geist.“

Die Frau in Betanien zeigt, wie es gehen kann. Sie setzt sich über vorgefasste Meinungen und vorgebliche Regelungen hinweg und feiert Gottesdienst, einen Gottesdienst, den wir vielleicht zunächst gar nicht erkennen, verstehen, akzeptieren, weil er so anders und ungewohnt ist. Es ist ein Gottesdienst, der sich in der Begegnung zwischen einem einzelnen Menschen und Jesus ereignet, im Teilhaben und Teilgeben.

Es ist kein Gottesdienst, der mit den Worten beginnt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Es ist ein Gottesdienst, der damit beginnt, dass die Frau da ist, und dass Jesus da ist, und dass beide einander in Liebe und mit neuem Verstehen begegnen. Mit ihrer Handlung feiert die Frau Weihnachten, Karfreitag und Ostern zusammen, aber eben auch zusammen mit dem, der gekommen, gestorben und auferstanden ist.

Wir können Gottesdienst nicht feiern, wie wir es kennen und gewohnt sind, aber wir können Gottesdienste ganz neu feiern, indem wir nicht nur von Jesu Tod hören und über seine Auferstehung reden, sondern indem wir Jesus ganz neu begegnen.

In ihrer Hinwendung an Jesus spricht Jesus der Frau das Evangelium zu, die gute Nachricht von der Hoffnung im Leid, vom Leben im Tod, von der Freiheit in der Beschränkung, von der Zukunft im Hier und Jetzt. Eine Nachricht, die gerade auch heute, gerade in dieser Woche verkündigt und gefeiert wird – wo auch immer und wie auch immer.

Wir können, dürfen und sollen Gottesdienste kreativ feiern und gestalten, nicht nur als Pfarrerinnen und Pfarrer, sondern auch persönlich und in der Familie. Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst, diese „dreifache“ Aufforderung zur Liebe schließt nicht aus, sondern ein. Neben den Ideen und Angeboten im Internet haben wir eine Bibel im Haus, Hände zum Beten und einen Mund zum Singen. Wer ein neues Gesangbuch hat, findet darin Anleitungen zu Andachten. Die Landeskirche hat die Abendmahlsverordnung geändert, damit auch in Familien und kleinen Gruppen Teilhaben und Teilgeben gefeiert werden kann.

Jesus sagt: „Ich versichere euch: Überall in der Welt, wo in Zukunft die Gute Nachricht verkündet wird, wird auch berichtet werden, was sie getan hat. Ihr Andenken wird immer lebendig bleiben.“

Diese Geschichte kann unsere Geschichte sein. Wir sind ein Teil der Guten Nachricht. Diese Geschichte wird bei jeder Beisetzung verkündet, in welcher Form sie auch stattfindet. Und der Auferstandene bezieht Lebende und Tote in diese Geschichte der Liebe ein.

 

Gebet

Gott,

du begleitest uns auf dem Weg, der vor uns liegt, so können wir ermutigt in diese Karwoche gehen, können deinem Sohn nachfolgen, auch wenn wir ihn nicht ganz verstehen.

So brauchen wir seinem Leiden und dem Leiden  in der Welt nicht ausweichen, sondern werden es aushalten.

Wir bitten dich für alle, die felsenfest im Glauben stehen und sich dir ganz nah fühlen. Schenke ihnen die Einsicht, dass auch sie immer noch auf dem Weg sind, bewahre sie vor Überheblichkeit. Nimm etwas von ihrem Selbstvertrauen  und stärke ihr Vertrauen in dich.

Wir bitten dich für alle, die voller Zweifel sind, die nicht wissen, was sie von dir halten sollen, ob sie dir vertrauen können. Schenke ihnen deine Nähe, lass sie im Herzen spüren, dass du da bist, dass du für sie da bist.

Wir bitten dich für alle, die ein gutes Gespür für das Richtige haben, die sich beherzt einsetzen, wo es nötig ist. Stärke sie in ihrem Handeln, und schenke ihnen dabei deine Nähe.

Amen

Gott segne dich!

 

Pfr. Matthias Krämer, Mössingen